Nuklear-Renaissance schafft es nicht aus dem Wartesaal

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Im Schatten der Klimakrise wird die Atomkraft gepusht. Allerdings: Von Boom und Hype kann in der Realität keine Rede sein.

Nackte Fakten widersprechen den Träumen: Das durchschnittliche Alter der Atomkraftwerke liegt bei 32,7 Jahren, der Anteil der Atomkraft an der weltweiten Elektrizitäts-Produktion bei neun Prozent. Träume von einer Rennaisance der Atomkraft sind spätestens seit einer Nacht-und Nebel-Aktion der Europäischen Union aufgekommen.

Damals bekamen Atomkraftwerke teilweise das Mäntelchen der Umweltverträglichkeit umgehängt. Unter Atomlobbyisten war ein erleichtertes Aufatmen zu vernehmen.

Wir erinnern uns: Zum Jahreswechsel 2021/22 hatte die Kommission ausgerechnet kurz vor Silvester Atomkraft und Gas als klimaverträgliche Energieformen ausgezeichnet. Damit kommen Atom und Gas leichter zu Krediten.

Im Falle von Atom ist das zwar an Bedingungen geknüpft, die allerdings geringen Verbindlichkeitscharakter haben. So ist etwa eine Voraussetzung, dass für die hoch-radioaktiven Abfälle bis 2050 ein Entsorgungsplan vorgelegt wird.

Österreich hat Einspruch eingelegt

Der Fall hat eine erste juristische Hürde genommen, indem der Europäische Gerichtshof eine Klage Österreichs und einiger Umweltorganisationen abgewiesen hat. Ein Einspruch Österreichs dagegen läuft.

Jedenfalls hat der EU-Schwenk die Hoffnungen der Atombranche beflügelt – es sei Tür und Tor geöffnet, um neue AKW zu errichten, immer wieder wurden auch kleinere Atomkraftwerke SMR als „Neuerungen auf dem Markt“ gepriesen, heißt es.

Damit hat es allerdings nicht viel auf sich.

Das zeigt der jüngste Bericht über diese Branche, der „World Nuclear Industry Status Report“ (WNISR). Seit Jahrzehnten beobachtet ein Experten-Team um den Studien-Koordinator Mycle Schneider die Nuklearbranche.

Den Gipfel vor 40 Jahren erreicht

Blickt man auf nackte Zahlen und Statistiken, dann zeigt sich rasch, dass von einem Boom keine Rede sein kann. Im Gegenteil: Mit der Atomkraft geht es seit Jahrzehnten bergab: 1986 erreichte die nukleare Stromproduktion ihren (bisherigen) Spitzenwert. Damals kamen 17,5 Prozent der weltweit produzierten Elektrizität aus Atomkraftwerken.

Gegenüber dem Gesamt-Output von Strom ist der Nuklear-Anteil seither immer gesunken – und liegt derzeit bei neun Prozent (im Jahr 2024). Die Strommenge, die aus AKW kommt, liegt jetzt auf dem Niveau der 1990er Jahre.

Zwar ist die atomare Stromproduktion zuletzt leicht gestiegen, was aber ausschließlich von zwei Faktoren getrieben wird: von der diesbezüglichen russischen Expansionspolitik und dem Bau chinesischer AKW.

Trotz China und Russland: Den nuklearen Bau-Boom hat es in den 1970er und 1980er Jahren gegeben, seither geht es bergab. Zwischen 2005 und 2024 stehen 104 Reaktoren, die ans Netz gegangen sind 101 Schließungen gegenüber.

Ausschlaggebend ist dabei der Anteil Chinas: Dort sind 51 Reaktoren in Betrieb genommen und keine geschlossen worden. Außerhalb des Reichs der Mitte sind 101 AKW abgeschaltet worden und 53 neue ans Netz gegangen. 2002 waren bisher am meisten Reaktoren am Netz – 438. Im Juli 2025 waren es nur noch 408.

Die ältesten Reaktoren stehen in den USA

In Bau sind derzeit in China 32 Reaktoren, in allen übrigen Ländern 31 – wobei 18 unter maßgeblicher russischer Beteiligung geplant werden. Eine große Lücke tut sich auch auf zwischen der erwarteten und der realen Bauzeit. Erwartet werden bei allen Atom-Projekten zwischen viereinhalb und sechseinhalb Jahren. In der Realität brauchen sie dann aber bis zu 38,1 Jahre (Mochovce 3) oder 17,1 Jahre (Flammaville 3). Bei diesen Zeiten sind Planung, Vorbereitung und Erschließung der Baustelle nicht inkludiert.

Ohne China werden weltweit pro Jahr zwischen einem und maximal fünf AKW-Projekten gestartet (Jänner 2020 bis Juli 2025: 1-4-5-1-3-2) – mit ungewissem Ausgang. Die älteten Reaktoren am Netz sind jene in den USA, das Durchschnittsalter liegt bei 43,2 Jahren. Dann folgt Frankreich (38,9); in Russland sind es 31 Jahre, in Süd-Korea 23,7 und in China 10,6.

Keine Rede von einem Durchbruch der SMR

Auch bei den oft gepriesen Klein-Kraftwerken (Small Modular Reactors) sind die Zahlen ernüchternd. In Argentinien ist der Bau an einem kleineren Reaktor in den 1980er Jahre gestartet, nach zehn Jahren aber eingestellt worden. Ein Projekt in Kanada (am Chalk River) wurde im Mai 2024 gestoppt, weil der Betreiber Bankrott gemeldet hatte. Lediglich in China und in Russland sind zwei SMRs in Betrieb.

Ruggero Schleicher-Tappeser, auch er einer der Co-Autoren des WNISR, stellt der Atom- die Erneuerbaren Energien gegenüber. Bei letzteren habe es 2023 eionen Quantensprung gegeben, zumal die Batteriekosten um 40% gesunken seien. Die Entscheidung über die Energieformen werden ganz offensichtlich von den Investoren getroffen: Während für die Atomkraft weniger als 50 Milliarden US-Dollar ausgegeben werden, wird in Photovoltaik mehr als das Zehnfache investiert und in Windkraft das Dreifache.

Das Marktsignal aus China ist ebenfalls eindeutig: Wind und Solar boomen mit einem Anteil von 9,9% und 8,3%, Kohle sinkt stark (von 77% im Jahr 2010 auf 57,8% im Jahr 2024), der Anteil von Wasserkraft nimmt auf 13,4% ab, Atomkraft sinkt leicht (auf 4,5%).


Mehr:

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Web-Link World Nuclear Industry Status Report 

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