Wissenschaftler entwickeln ein Modell, um das Erreichen nationaler Klimaziele gerechter zu gestalten. Der CO2-Rucksack könnte sich dadurch für große Städte verdreifachen.
An diesem Freitag jährt sich der Beschluss des Pariser Klimaabkommens zum zehnten Mal. Damals, am 12. Dezember 2015, haben die 195 Teilnehmer-Nationen beschlossen, dass der Ausstoß von Treibhausgasen bis zum Jahr 2100 nur in einem Ausmaß steigen darf, dass der Temperaturanstieg gegenüber den vorindustriellen Jahrzehnten (1850 bis 1900) „deutlich unter zwei Grad Celsius“ bleibt und idealerweise ein Limit von 1,5 Grad nicht überschritten wird. Dies funktioniert nur, wenn die Emissionen gesenkt und auf Netto-Null herunter geschraubt werden.
Diesen Jahrestag hat sich ein Team der Universität Graz zum Anlass genommen, sich mit der Umsetzung der Pariser Zusicherung genauer zu beschäftigen. Material dazu ist in Hülle und Fülle verfügbar, denn mittlerweile gibt es 137 Länder, 202 Regionen, 293 Städte und 1198 Unternehmen, die sich offiziell zum Ziel gesetzt haben, den Treibhausgas-Ausstoß auf Netto-Null zu verringern.
Ist Verteilungsgerechtigkeit gegeben?
Soweit, so gut.
Aber: Entsprechen diese Ziele auch wesentlichen Prinzipien von Verteilungsgerechtigkeit? Was braucht es, um die Reduktion der Treibhausgas-Emissionen auf regionaler Ebene fair zu gestalten? Diese Fragen beantworten fünf Wissenschaftler der Universität Graz mit einer Studie („Applying fairness in subnational carbon budget allocations“), die am Mittwoch in „Nature Communications“ veröffentlicht wird.
Die Arbeit, die Lead-Autorin Teresa Lackner (Schumpeter Centre) koordiniert hat, geht zunächst einmal von der wissenschaftlich definierten Gesamtmenge von Treibhausgasen (insbesondere Kohlendioxid, CO2, und Methan CH4)) aus, die bis zum Ende dieses Jahrhunderts maximal in die Atmosphäre gelangen darf, um das 1,5 Grad-Ziel noch erreichen zu können. Dabei stellt sich dann die Frage, wie diese höchstzulässige Gesamtmenge (global carbon budget) verteilt wird – nicht nur auf die einzelnen Staaten, sondern auch auf Regionen und Städte.
Dabei sind zwei Zugänge möglich: der eine, häufigere, bemisst die Menge der Treibhausgase aufgrund der Produktion innerhalb eines Staates, eines Bundeslandes oder einer Stadt. Dabei werden dann etwa aus dem Treibstoff-Verbrauch oder den industriellen Abgasen die Belastung durch CO2 & Co errechnet und so die Klimabelastung einer Region ermittelt.
Was kommt in den CO2-Rucksack?
Dieser Ansatz ist allerdings gleich aus mehreren Blickwinkeln nicht zufriedenstellend. Denn einerseits bleibt unberücksichtigt, dass innerstaatlich strukturelle Verzerrungen entstehen. Etwa dadurch, dass in einer ländlichen Region mit geringer Einwohner-Zahl die Umweltbelastung durch ein Kraftwerk eine höhere Emissions-Menge pro Kopf verursacht wird – während Strom und Wärme, die im Kraftwerk produziert werden, eben nicht nur in der Standort-Region der Anlage verbraucht werden, sondern auch in entfernteren Städten. Deren Bevölkerung bekommt zwar Strom oder Wärme, aber kein Treibhausgas in den CO2-Rucksack gepackt.
Verzerrung Nummer zwei: Treibhausgas-Emissionen, die Produkten anzulasten sind, die im Ausland entstehen – also zum Beispiel ein Smartphone, das in Asien hergestellt und in Europa gekauft wird. Auch diese Klimabelastung findet bei der produktions-basierten Berechnung keinen Niederschlag.
Anders beim konsum-basierten Ansatz. Ausgehend von der Tatsache, dass mehr konsumiert, wer mehr Geld verdient, lässt sich vergleichsweise problemlos anhand der vorliegenden Statistiken über Durchschnittseinkommen ermitteln, wie hoch die tatsächliche Klimabelastung ist. Deshalb schnellen in diesem konsum-basierten Ansatz die Klima-Belastungen in urbanen Zentren in die Höhe.
Warum das verbleibende CO2-Budget sinkt
„Das kann dann dazu führen, dass in Berlin oder Wien oder anderen vergleichbaren Städten die Pro-Kopf-Emissionen um das Zwei- oder Dreifache steigen. Ihr verbleibendes CO2-Budget wird entsprechend geringer“, erklärt der Klima-Ökonom Karl Steininger (Wegener Center for Climate and Global Change).
Anhand des Modells, das die Grazer Wissenschaftler entwickelt haben, entsteht eine relativ weit aufgehende Spannweite, innerhalb derer sich die bis zum Jahr 2100 zulässigen Maximal-Mengen an Treibhausgasen der einzelnen Regionen befinden. In Deutschland bewegt sich die Größenordnung zwischen 50 Tonnen pro Kopf und 150 t, ähnlich in Österreich.
1,5 Grad-Grenze wird noch vor 2030 überschritten
Nachdem vor kurzem die 30. Klimakonferenz in Belém zu Ende gegangen ist, ohne dass über eine Weiterentwicklung der Emissions-Minderung ernsthaft verhandelt worden ist, scheint es derzeit allerdings unwahrscheinlich, dass innerhalb der EU-Mitglieder ein Prozess des Aushandelns startet, um entsprechende Reduktionspflichten nach dem Gerechtigkeitsprinzip zu verteilen. Noch unwahrscheinlicher ist, dass ein derartiges Modell in anderen Staaten und Regionen – etwa in China – Anwendung findet.
Weltklima und das Erreichen des Paris-Zieles sehen derzeit keinen rosigen Zeiten entgegen. Im Vorjahr war die globale Durchschnitts-Temperatur bereits um 1,3 Grad Celsius höher als in der vorindustriellen Zeit. Wissenschaftler befürchten, dass noch vor 2030 die 1,5 Grad-Grenze überschritten wird.
Das globale Budget von Treibhausgasen bis zum Jahr 2100 beläuft sich auf 170 Milliarden Tonnen Kohlendioxid-Äquivalent – was dem Verbrauch von vier Jahresemissionen (auf dem Stand von 2025) entspricht. Das europäische CO2-Budget liegt bei 11,4 Milliarden Tonnen.
Mehr:
Web-Link „Applying fairness in subnational carbon budget allocations“
Web-Link Global Carbon Budget

















