Eine aktuelle Studie versucht erstmals die negativen Gesundheitsfolgen von Kunststoffen zu errechnen. Ergebnis: Die Zahlen schnellen in die Höhe. Allerdings: Es gibt große Datenlücken.
Die Frage ist einfach gestellt: Hat der Gebrauch von Kunststoffen negative Folgen für die menschliche Gesundheit? Und wenn ja, in welchem Ausmaß?
Diese Frage ist schnell gestellt, aber nicht einfach zu beantworten. Aufgrund der bestehenden Datenlage lässt sich die so gestellte Frage gar nicht beantworten.
Grund genug also, um zur Tagesordnung überzugehen? Ganz und gar nicht. Denn der Hinweise gibt es genug, dass die Verwendung von Kunststoffen Folgen für den menschlichen Organismus hat.
Plastik auch im Gehirn
Seit einiger Zeit bekannt ist bereits, dass Mikro- und Nanopartikel von Kunststoffen nicht nur in die Lunge vordringen, sondern auch bereits im Gehirn festgestellt worden sind. Was das mit einem Körper macht, ist allerdings unklar.
Vor diesem Hintergrund hat ein Wissenschaftler-Team um Megan Deeney den Versuch gestartet zu berechnen, welche Gesundheitsfolgen die Plastik-Verwendung in der Zeitspanne von 2016 bis 2040 haben könnte. An der Arbeit haben sieben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler teilgenommen, die an der
- London School of Hygiene & Tropical Medicine
- Toulouse Biotechnology Institute
- Université de Toulouse
- Centre National de la Recherche Scientifique
- Institut National de la Recherche Agronomique
- Institut National des Sciences Appliqués, Toulouse,
- Institut National Polytechnique de Toulouse
- Institut National de la Recherche Agronomique,
- Laboratoire de Chimie Agro-Industrielle, Toulouse, und
- University of Exeter
forschen.
Die Arbeit geht zunächst einmal davon aus, was in der Wissenschaft bekannt ist – etwa von den Gesundheitsbeeinträchtigungen und Lebensverkürzungen durch der Exposition von PM 2,5-Partikel und den Folgen der Klimaänderungen – also der Erhöhung der globalen Mitteltemperatur um bisher 1,3 Grad Celsius, die auf menshcliche Aktivitäten zurückzuführen ist.
Dabei wird jener Teil herausgerechnet, der Plastik zugerechnet werden kann und bekannt ist. Im Fall der Klima verändernden Treibhausgase sind dies vier Prozent des Gesamt-Ausstoßes von CO2 & Co. Für die Studie wurde auf diese Weise der gesamte Lebenszyklus von Kunststoffen unter die Lupe genommen – also von der Förderung von Öl und Gas beginnend bis zu Deponierung oder dem (scheinbaren) Verschwinden und Zersetzung in den Weltmeeren.
Keine Zahlen für Folgen von Produktion und Gebrauch
Nicht betrachtet wurden mögliche Gesundheitsfolgen durch die Produktion konkreter Plastik-Produkte (unter Verwendung von zahlreichen Chemikalien) und durch den direkten menschlichen Kontakt mit Plastik. Der Grund dafür ist einfach: Es gibt zu den potentiellen Folgen von Produktion und Gebrauch von Kunststoff-Produkten keine Zahlen.
Das Ausmaß der Ungewissheit wird noch erhöht, da die Wirkungen einzelner Chemikalien nicht immer abschätzbar sind. Unklar ist auch, ob es Summenwirkungen dieser Chemikalien gibt und – wenn ja – wie die konkret Menschen belasten können oder nicht.
Verlorene Jahre
Für den Lebenszyklus vor und nach Produktion von Gebrauch arbeitet die Studie mit dem Daly-Modell – einer Umrechnung von Gesundheitsbelastungen in Zeit, die jemand (aufgrund der Schadstoffbelastung) durch Krankheit in seiner Gesundheit beeinträchtigt wird oder dadurch vorzeitig (vor Erreichen der durchschnittlichen Lebenserwartung) verstirbt; angegeben wird dies in „Daly“. Daly steht für „Disability-Adjusted Life Years“. Die Studie arbeitet mit der diesbezüglichen Zahlenbasis von 2016 und hat insgesamt sechs Szenarien angenommen.
- Business as usual: Es geht weiter wie bisher – keine Änderung des Konsumverhaltens, der Produktion und des legistischen Rahmens
- Gegenwärtige Entwicklungen gehen weiter – vorgeschrieben Recycling-Quoten, Einschränkungen gegen Einweg-Produkte werden weiter verschärft
- Zusätzlich wird die Sammlung und Verbesserung der Entsorgung (inklusive Verbrennung) verschärft
- Sammlung, Sortierung und Recycling werden stark verbessert und konsequent impelementiert
- Produktion von Plastik wird verringert, Kunststoffe werden durch andere Materialien ersetzt
- System change-Szenario: Maximale Vermeidung und Substituierung
Rechnerisch wären aufgrund dieses Modells beinahe eine Verringerung der Dalys möglich.
| Szenario | 2040: Errechnete Dalys (Disability Adjusted Life Years |
| 1 | 4.500.000 |
| 2 | 4.300.000 |
| 3 | 3.900.000 |
| 4 | 3.800.000 |
| 5 | 2.800.000 |
| 6 | 2.600.000 |
Korrekterweise wird in der Studie mehrfach auf die schüttere Daten-Lage hingewiesen – und auf den Umstand, dass die Produktion der Plastikprodukte und der Gebrauch keinen Niederschlag in diesen Berechnungen gefunden hat, zumal dazu keine Daten verfügbar sind.
Die gemeinnützige Agentur SMC hat zu diesem Thema Experten befragt. Einer von ihnen ist Hanns Moshammer, Fachgebietsleiter Umwelthygiene und Umweltmedizin am Zentrum für Public Health der Medizinische Universität Wien. Er sagt: „Toxische Wirkungen – ob von der Plastikwirtschaft oder von anderen anthropogenen Faktoren – sind wohl am wenigsten so gut erforscht und belegt, dass sie eine quantitative Bewertung erlauben. Sie sind daher auch im ‚Plastik-Modell‘ höchstwahrscheinlich deutlich unterrepräsentiert.“
„Vergleichbar mit Hepatitis B“
„Zusatzstoffe von Plastik werden sich in Zukunft praktisch unvorhersehbar verändern, das erschwert die Fortschreibung in die Zukunft – zusätzlich zum Datenmangel über die derzeitige Art und Menge an Zusatzstoffen.“ Zur vorliegenden Studie meint er, dass sich die bestehenden Unsicherheiten „höchstwahrscheinlich über die Zeit (bis 2040) noch vergrößern werden. Diese Unsicherheiten führen aber mehrheitlich zu einer Unterschätzung der Effekte.“ Schon die „berechneten Effekte sind groß – aber nur ein Teil der vielfältigen Effekten, die durch menschliche Eingriffe in die Umwelt darstellbar sind.“
Walter Leal, Leiter des Forschungs- und Transferzentrums „Nachhaltigkeit und Klimafolgenmanagement“ an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg: „Die geschätzten über vier Millionen verlorenen gesunden Lebensjahre aus dem Jahr 2040 entsprechen etwa fünf Stunden verlorener voller Gesundheit für jeden Menschen auf der Erde. Im Vergleich zu anderen globalen Gesundheitsbelastungen ist die durch Plastik verursachte Krankheitslast erheblich, aber weit geringer als die Krankheitslast durch die allgemeine Luftverschmutzung (jährlich mehr als 100 Millionen Lebensjahre, je nach Quelle) oder Malaria (jährlich mehr als 40 Millionen Lebensjahre). Sie ist jedoch vergleichbar mit der von Hepatitis B und unterstreicht die Notwendigkeit, diesem Thema Aufmerksamkeit zu schenken.“
„Jeder Mensch hat eigenes Risikoprofil“
Dietrich Plaß, Leiter des Fachgebiets Expositionsschätzung, gesundheitsbezogene Indikatoren im Umweltbundesamt Berlin: „Diese Studie ist ein erster Schritt und liefert erste Hinweise, dass sich Schadstoffe, die im Rahmen des Plastiklebenszyklus entstehen, negativ auf die Gesundheit der globalen Bevölkerung auswirken und mit einer nicht zu vernachlässigbaren Krankheitslast in Zusammenhang stehen.“ Die Arbeit müsse aber vorsichtig interpretiert werden, da weder eine Unterschätzung noch Überschätzung ausgeschlossen werden kann.“
Bei den DALYs handle es sich um einen Indikator für die Gesundheit von Bevölkerungen. Daher sollte nicht der Fehler gemacht werden, solche Ergebnisse auf individuelle Personen zu übertragen. „Denn jeder Mensch hat ein eigenes Risikoprofil, das nicht zwingend dem des Durchschnitts der Bevölkerung entsprechen muss.“
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