Die Klimakonferenz in Belém geht an den Start, bevor sie überhaupt beginnt. UN-Generalsekretär Guterres steckt das Ziel ab: „Keine Verhandlungen mehr. Wir brauchen Taten.“
„Wir haben keine Zeit mehr für Verhandlungen. Es ist Zeit für die Umsetzung, Umsetzung und noch einmal Umsetzung.“ Auf diesen einfachen Nenner bringt António Guterres die Zielsetzung für die 30. Konferenz jener Staaten, die der Klimakonvention beigetreten sind. Der UN-Generalsekretär drängt darauf, dass die vielfach angekündigten Maßnahmen auch tatsächlich Realität werden. Und darauf, dass die Ziele weiter verschärft werden: mehr Klimaschutz, nicht weniger.
Dem zweiwöchigen COP 30-Treffen am Rand des Amazonas-Regenwalds geht ein „Leaders’ Summit“ voraus, bei dem sowohl Guterres als auch der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula de Silva Staats- und Regierungschef auf einen klimaverträglichen Kurs einschwören.
Ziel ist in weiter Ferne
COP 30 geht zehn Jahre nach dem Beschluss der Klimakonvention in Paris in Szene, wo das Ziel gesetzt worden ist, dass bis zum Ende des Jahrhunderts die globale Durchschnittstemperatur um deutlich weniger als zwei Grad Celsius, idealerweise nicht mehr als 1,5 Grad steigen soll. Derzeit ist dieses Ziel in weiter Ferne: Klimawissenschaftler schätzen, dass aufgrund der derzeitigen Reduktions-Zusicherungen aller Vertragsstaaten im Jahr 2100 die Durchschnittstemperatur um 2,3 bis 2,6 Grad höher sein werde als in den vorindustriellen Jahrzehnten (1850 bis 1900).
Celeste Saulo, Generalsekretär der Welt Meteorologie Organisation (WMO, rechnet damit, dass 2025 das zweit- oder drittwärmste Jahr überhaupt sein werde. „Die Durchschnittstemperatur zwischen Jänner und August lag 1,42 Grad über dem vor-industriellen Schnitt. Die Konzentration der Treibhausgase (vor allem Kohlendioxid und Methan, Anm.) ist so hoch wie in den letzten 800.000 Jahren nicht.“
Ohne Paris: Ein Plus von vier Grad
In einem Update-Bericht der WMO heißt es, dass die elf Jahre zwischen 2015 und 2025 die wärmste Periode sein wird, seit es Klimaaufzeichnungen gibt. Sie reichen global 176 Jahre zurück.
Deshalb ist damit zu rechnen, dass in den kommenden Jahrzehnten das angestrebte Limit von 1,5 Grad jedenfalls verfehlt wird, es kommt also zu einem „Overshoot“. Wissenschaftler fordern unisono, dass diese Overshoot-Periode durch konsequentes Gegensteuern eingefangen werden müsse – also durch noch konsequentere Maßnahmen, mit denen der Ausstoß von Treibhausgasen verringert wird.
Die deutsche NGO „Germanwatch“ sieht in diesen Zahlen auch einen Beleg dafür, dass die Klimamaßnahmen etwas bewirken: Ohne die Reduktion der Emissionen, die durch die Umsetzung von COP-Beschlüssen zustande gekommen sind, wäre im Jahr 2100 mit einer Erhöhung der Durchschnittstemperatur von zumindest vier Grad zu rechnen gewesen, etwa eineinhalb Grad mehr als jetzt.
„Mehr Hunger, mehr Verlust, mehr Schäden“
Christoph Bals, Politik-Vorstand von Germanwatch: “Wir brauchen einen Beschluss zur jährlichen Überprüfung der Klimabeiträge der Staaten, verlässliche öffentliche Klimafinanzierung und einen Plan für die beschleunigte Umsetzung der schon vereinbarten globalen Energieziele – insbesondere zum Herunterfahren der fossilen Energien.”
UN-Chef Guterres meint auf dem „Leaders’ Summit“, dass „jede auch noch so kleine Erhöhung der globalen Mitteltemperatur mehr Hunger, mehr Verlust und mehr Schäden bewirkt. Das setzt Milliarden unerträglichem Klima aus.“
Jedes Jahr, in dem es noch wärmer wird, beeinträchtigt die nationale Wirtschaft, vertieft Ungleichheiten und betrifft Entwicklungsländer in verstärktem Ausmaß – auch wenn sie für die Ursachen am wenigsten verantwortlich sind.“ Die Klimapolitik sei von „Jahrzehnten vollen Leugnens und Verzögerns“ gekennzeichnet gewesen. „Wir brauchen einen fundamentalen Paradigmen-Wechsel“, so Guterres.
„Kollektiver Akt des Überlebens“
Marinez Scherer, COP 30’s Spezial-Beauftragte für die Ozeane, plädiert dafür, Klimaschutz, den Schutz der Ozeane und den der Regenwälder nicht als getrennte Themen zu sehen, sondern als ein eng miteinander zusammenhängendes zu betrachten. Scherer fordert, dass die entsprechenden Maßnahmen gesetzt werden.
„Ozeane produzieren die Hälfte des Sauerstoffs, nehmen 90 Prozent der überschüssigen Hitze auf und liefern Milliarden Menschen die Lebensgrundlagen. Aber nur ein Prozent der Klimafinanzierungen werden für den Schutz von Meeren ausgegeben.“ Marinez Scherer, eine Meeresbiologin der brasilianischen Universität in Santa Catarina: „Ozeane und Amazonien zu schützen, ist nicht nur eine Notwendigkeit aus Umweltsicht, sondern ein kollektiver Akt des Überlebens.“
Milliarden für den Regenwald
Der brasilianische Staatspräsident stellt für die bevorstehende COP weniger neue Beschlüsse in den Mittelpunkt, sondern die Umsetzung der bisherigen. Lula rückt dabei den TFFF ins Zentrum, die Tropical Forest Forever Facility. Damit soll ein Geldtopf geschaffen werden, mit dem der Schutz des Regenwaldes finanziert werden soll. Der soll so funktionieren – Initial-Zahlungen von Industrienationen werden umweltverträglich angelegt und sollen Gewinn abwerfen, der den Anlegern gutgeschrieben wird. Zu rechnen sei mit einem Erlös von vier US-Dollar pro Hektar.
Brasilien hat im September eine erste Zahlung in der Höhe von einer Milliarde platziert. Insgesamt sollen in den kommenden Jahren 25 Milliarden von Staaten aufgebracht werden und mehr als 100 weitere aus privaten Quellen.
Geschützt sollen damit eine Milliarde Hektar Regenwald werden; Zielländer des TFFF sind vor allem Amazonien, der Atlantik-Regenwald, das Kongo-Becken, die Mekong-Region und die Insel Borneo. 20 Prozent des Geldes soll direkt an die indigenen Völker dieser Regionen gehen. Der Fonds ist vor zwei Jahren, auf der COP in Dubai geschaffen worden.
Neue Strategie-Papiere kamen nur zögerlich
Das zweite große Thema in Belém werden die NDCs (Nationally Determined Contributions) sein. Diese nationalen klimapolitischen Beiträge sind Pläne, in welchen sich der jeweilige Staat festlegt, mit welchem Ausmaß und mit welchen Methoden der Ausstoß an Treibhausgasen verringert werden soll. Diese Strategiepapiere hätten bis zum Frühjahr 2025 erneuert werden sollen. Geschehen ist dies kaum, gerade einmal ein Viertel der Länder haben solche NDC-Updates übermittelt. Gefordert wird auch, dass auch die Reduktionsziele selbst verschärft werden, im derzeitigen Klima ist das allerdings nicht wahrscheinlich.
„Schauen wir einmal, was wir haben“
Die Vorzeichen der Konferenz waren nicht unbedingt beflügelnd. So hat die Europäische Union im Oktober das Ziel für 2040 verwässert. Davor waren die Rede davon, dass bis zu diesem Zeitpunkt die Treibhausgas-Emissionen der EU-Staaten um 90 Prozent reduziert werden, ohne Einschränkungen.
Beschlossen wurde jetzt allerdings, dass dieses Ziel auch erreicht werden könne, wenn 5% der Reduktion ausgelagert werden können, indem Verschmutzungsrechte verkauft werden. Die Umsetzung der Reduktion erfolgt dabei außerhalb des jeweiligen EU-Staates.
Zudem wird die Vergabe von Gratiszertifikaten an die energieintensive Industrie verlängert, außerdem werden der Zertifikatehandel für Verkehr und Heizen auf 2028 verschoben.
Auch in Brasilien selbst gab es unmittelbar vor der Klimakonferenz grünes Licht für die Suche nach Öl und Gas im Mündungsgebiet des Amazonas. In einem Interview mit sechs internationalen Nachrichtenagenturen erklärte Lula da Silva, dass er nicht anstrebe, ein „Umwelt-Anführer“ sein zu wollen. „Schauen wir einmal, was wir haben. Und dann sehen wir, wie wir es verantwortungsvoll fördern können.“ Die Lizenz wurde dem staatseigenen Ölmulti Petrobras zugeteilt.
Während weltweit der Anteil erneuerbarer Energien (insbesondere Windkraft und Photovoltaik) boomt, zeigt eine Studie, dass die Energiekonzerne, die auf Öl und Gas setzen, kaum willens sind, auf Erneuerbare umzusatteln. Die 250 größten Öl- und Gas-Konzerne sind lediglich mit 1,42 % ihres Gesamtumsatzes in erneuerbaren Projekten aktiv.
Mehr:
- Web-Link Bohrinsel vor der Amazonas-Mündung in den Atlantik
- Web-Link State of the Global Climate Update 2025
- Web-Link Guterres-Statement
- Web-Link Oil and gas industry’s marginal share of global renewable energy
- Web-Link NDCs (Nationally Determined Contributions)
- Web-Link European Environment Agency Trends and Projections report

















